Blog 57 | Unternehmensnachfolge in der Mongolei: Wenn der erste Generationenwechsel Geschichte schreibt

Zwei Tage Seminar, neun Coachings, 25 Unter­neh­me­rinnen und Unter­nehmer – und ein Land, das uns nachhaltig beein­druckt hat. Die Mongolei erlebt gerade etwas Beson­deres: den aller­ersten Genera­tio­nen­wechsel in der Geschichte ihrer privat­wirt­schaft­lichen Unter­nehmen. Was wir dabei über Nachfolge, Verant­wortung und Famili­en­er­war­tungen gelernt haben, lesen Sie im Erfah­rungs­be­richt von Frank Halter und Claudia Buchmann von St. Galler Nachfolge.

“Ich gehe Kämpfen aus dem Weg, aber ich drücke mich nicht vor der Verantwortung”

Die Mongolei ist stolz auf ihre Geschichte, insbe­sondere auf Dschingis Khan und seine Nachfahren. Das spürt man, wenn man mit der Bevöl­kerung vor Ort in Kontakt tritt. Das Land hat eine bewegte Vergan­genheit mit grossen Verän­de­rungen in verschie­denen Epochen. Einge­bettet zwischen Russland und China ist die Mongolei im Vergleich zur Schweiz fast unfassbar gross – bei gleich­zeitig einer der tiefsten Bevöl­ke­rungs­dichten weltweit. Entscheidend für unsere Arbeit: Die Priva­ti­sierung der mongo­li­schen Volks­wirt­schaft startete 1990, nachdem der Kommu­nismus von einem demokra­ti­schen Politik­ver­ständnis abgelöst wurde.

Mongolische Fahne weht im Wind
Abb. 1: Mongo­lische Fahne weht im Wind.

BPN (Business Profes­sional Network), eine Schweizer Stiftung mit 25-jähriger Geschichte, ist seit rund 15 Jahren in der Mongolei aktiv und fördert, schult und coacht Unter­neh­me­rinnen und Unter­nehmer in verschie­denen Formaten. So profi­tieren viele KMU-Inhabe­rinnen und ‑Inhaber vom Schweizer Business-Know-how (vgl. Stiftung BPN – Klein­un­ter­nehmen fördern). Vor Ort leitet René Luchs­inger als Country Manager ein 7‑köpfiges Team, welches unter­schied­liche Aus- und Weiter­bil­dungs­an­gebot durch­führt. Im Rahmen eines zweitä­gigen Seminars und neun Einzel-Coachings waren wir als Fachex­perten für BPN im Einsatz.

Erster Generationenwechsel – historisch und unternehmerisch

Praktisch alle Unter­nehmen in der Mongolei wurden nach 1990 gegründet – ab dem Zeitpunkt der Priva­ti­sierung. Das bedeutet: Die meisten Unter­neh­mer­fa­milien stehen heute zum ersten Mal überhaupt vor einem Genera­tio­nen­wechsel in der Nachfol­ge­planung. Selbst die meisten Hirten waren zu sowje­ti­schen Zeiten Angestellte und betreuten staat­liche Tiere. Der Besitz von grossen Ziegen‑, Schaf‑, Pferde- oder Yak-Herden ist heute Ausdruck von Stolz und Vermögen. In den Dörfern, grösseren Ortschaften sowie in der Haupt­stadt Ulaan­baatar und deren Umfeld haben sich viele famili­en­ge­führte KMU über die letzten 35 Jahre gut entwickelt.

Verschenken oder verkaufen? Wie der Nachfolgeprozess geregelt wird

Gleich­be­rech­tigung zwischen den Geschlechtern ist in den meisten Unter­neh­mer­fa­milien, die wir getroffen haben, selbst­ver­ständlich. Ebenso besteht in der Regel ein grund­le­gendes Verständnis dafür, dass Führung und Eigentum – bis zu einer gewissen Unter­neh­mens­grösse – in die gleichen Hände gehören. Wenn eines von drei Kindern das Unter­nehmen übernimmt, tauchen im Nachfol­ge­prozess regel­mässig zwei Aussagen auf:

  • “Das Unter­nehmen geht unent­geltlich an das überneh­mende Kind über; dafür wird es mich finan­ziell bis ans Ende meiner Tage unterstützen.”
  • “Den anderen Kindern habe ich je ein Auto und/oder eine Wohnung gekauft.”

Bemer­kenswert: Sehr viele Unter­neh­me­rinnen und Unter­nehmer haben Kinder mit grossen Alters­un­ter­schieden. Zwischen dem jüngsten und dem ältesten Kind liegen nicht selten 10 bis 20 Jahre – eine Konstel­lation, die den Nachfol­ge­prozess zeitlich wie inhaltlich prägt.

Landschaft in der Mongolei
Abb. 02: Landschaft in der Mongolei.

Family first oder Business first? Eine Frage der Perspektive

Auf die direkte Frage, ob Familie oder Unter­nehmen im Mittel­punkt stehe, hörten wir oft, das Unter­nehmen komme zuerst. Das spiegelt sich in Engagement, Fleiss und einer tiefen Verbun­denheit mit dem eigenen Betrieb. Beim genaueren Hinschauen weicht sich dieses Bild jedoch auf. Aussagen wie «Ich habe meinen Töchtern je ein Auto und eine Wohnung gekauft» – selbst­ver­ständlich über das Unter­nehmen finan­ziert – oder die Aufnahme eines Bankdar­lehens, um einem Sohn den Start ins eigene Business zu ermög­lichen, zeigen: Die Grenzen zwischen unter­neh­me­ri­schem und familiärem Handeln sind fliessend.

Eignerstrategie und Altersvorsorge: Neues Denken in der KMU-Nachfolge

Alle Betei­ligten sind sich bewusst, dass die staat­liche Alters­vor­sorge langfristig nicht ausreicht – dennoch steht das Ansparen für das Alter nicht an erster Stelle. Das in Europa vertraute Konzept, aus dem Unter­nehmen Gewinn auszu­schütten und privates Vermögen aufzu­bauen, war für die Teilneh­menden eher neu – aber keines­falls uninteressant.

Einer­seits bremsen eine Unter­neh­mens­steuer von rund 10 % sowie eine ähnlich hohe Einkom­mens­steuer manchen Unter­nehmer, Gewinne zu zeigen und als Dividende auszu­schütten. Als die Unter­neh­me­rinnen und Unter­nehmer hörten, dass die Zinssätze in Europa deutlich höher sind, relati­vierte sich das Bild etwas. Entschei­dender ist jedoch die Inflation von rund 10 %: Was tun mit liquiden Mitteln, deren Wert sich laufend reduziert? Eine offene Frage, die die Eigner­stra­tegie in der Mongolei in den nächsten Jahren prägen wird.

Erwartungen, Verantwortung und implizite Nachfolgeverpflichtung

In unseren Gesprächen wurde deutlich, dass aus der Tradition heraus gewisse Erwar­tungen entstehen – und daraus Verpflich­tungen. Der Lieblingssohn oder die Lieblings­tochter soll die Eltern stolz machen: mit guten Schul­noten, einem erfolg­reichen Studi­en­ab­schluss und als Nachfol­gerin oder Nachfolger im Unter­nehmen. Über diese impli­ziten Erwar­tungen wird – so unsere Beobachtung – wenig gesprochen. Genau darin liegt ein zentrales Risiko im Genera­tio­nen­wechsel: Was unaus­ge­sprochen bleibt, kann den gesamten Nachfol­ge­prozess belasten.

Abb. 03: Pferde und Yaks in der mongo­li­schen Steppe.

Fazit: Unternehmerischer Mut trifft auf neue Nachfolgefragen

Wir blicken auf eine eindrück­liche Zeit in der Mongolei und einen wertvollen Austausch zurück. Der Kontakt mit den 25 Unter­neh­me­rinnen und Unter­nehmern vor Ort sowie die anschlies­sende Reise aufs Land haben uns nicht nur grosse Freude bereitet – sie haben uns viele neue Eindrücke und Erkennt­nisse mitgegeben.

«Ich gehe Kämpfen aus dem Weg, aber ich drücke mich nicht vor der Verant­wortung» – dieser Satz wird Otgon­bi­legiin Shagdarin zugesprochen, dem beliebten und sozial engagierten General­di­rektor der Erdenet-Kupfermine (1988–1998).

Auch wenn die Rahmen­be­din­gungen nicht immer einfach sind: die Mongolen arbeiten mit dem, was da ist, und machen das Beste daraus. Der Kampf gegen Gross­mächte oder Natur­ge­walten wird nicht gesucht – aber alle übernehmen Verant­wortung für sich, ihre Familie und ihr Umfeld. Otgon­bi­legiin Shagdarin organi­sierte in einem der härtesten Winter selbst Hilfs­güter, verteilte sie persönlich und setzte dabei sogar sein eigenes Leben aufs Spiel.

Wir kommen gerne wieder – in ein Land, das stolz auf seine Herkunft ist und in dem Unter­neh­me­rinnen und Unter­nehmer tatkräftig an ihrer Zukunft arbeiten.

Mehr zum Thema

Auf unserer Plattform finden Sie weiter­füh­rende Unter­lagen rund um Themen der Unter­nehmens­nach­folge. Im Download-Center stellen wir Ihnen diverse Unter­lagen und Arbeits­blätter kostenlos zur Verfügung.

Fotonachweis: St. Galler Nachfolge 

Bild von Claudia Buchmann

Claudia Buchmann

Menschen und Unternehmen im Rahmen von Nachfolgeprozessen in ihrer (Weiter-) Entwicklung zu begleiten, das ist die grosse Passion von Claudia Buchmann. Als langjährige Unternehmerin weiss sie, was unternehmerisches Denken und Handeln in Veränderungsprozessen bedeutet: ein grosses Stück Arbeit und ein freudiges Feiern von Erfolgen.

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