Kernaussagen
- Klarheit, Zielorientierung und ein strukturiertes Vorgehen im Nachfolgeprozess sind zentral.
- Eine erfolgreiche Unternehmensnachfolge erfordert frühzeitige Planung und das bewusste Trennen von Geschäftsleitung, Eigentum und persönlicher Rolle.
- Die Auswahl und Einbindung geeigneter Nachfolger oder Nachfolgerinnen sowie eine transparente Finanzierung und Kommunikation sind entscheidend für Stabilität und Vertrauen im Nachfolgeprozess.
Diese Fragen werden (u.a.) beantwortet
- Auf welcher Ebene sollte die Unternehmensnachfolge aktiv geplant werden?
- Wovon hängt der tatsächliche Unternehmenswert für Nachfolger:innen ab?
- Wie lassen sich geeignete Nachfolger:innen identifizieren, einbinden und finanzieren?
Dieser Beitrag beinhaltet eine fachliche Betrachtung wichtiger Kernfragen, die sich einem Unternehmer oder einer Unternehmerin während der Nachfolge stellen. Patrik Landolfo, selbst langjähriger Unternehmensberater, hat seine eigene Nachfolge geplant und umgesetzt. Er zeigt Stolpersteine auf und gibt Handlungsempfehlungen, damit die Nachfolge gelingt. Es handelt sich dabei um den zweiten Teil seines persönlichen Erfahrungsberichtes des eigenen Nachfolgeprozesses. Teil 1 gibt es hier nachzulesen: Blog-Beitrag 54.
Während der letzten fünf Jahre habe ich meine eigene Nachfolgeplanung umgesetzt – eine intensive und emotionale Phase. Eine tragfähige Nachfolgelösung zu entwickeln, ist anspruchsvoll – auch mit über 20 Jahren Erfahrung beim Begleiten von Nachfolgeprozessen.
Überraschend war für mich, wie stark emotionale Spannungsfelder zwischen Kontrolle und Loslassen den Prozess beeinflussen. Gerade in solchen Momenten zeigt sich, wie wichtig Klarheit, Zielorientierung und strukturiertes Vorgehen im Nachfolgeprozess sind.
Im Folgenden beleuchte ich die zentralen Fragen, die mich beschäftigt haben, aus vier Perspektiven:
- Fachliche Einordnung
- Typische Stolpersteine
- Persönliche Erfahrung als Übergeber
- Konkrete Handlungsmöglichkeiten
Übertragungsebene: Worum geht es bei meiner Nachfolge überhaupt?
Wann ist ein guter Zeitpunkt als Inhaber und Geschäftsführer die eigene Nachfolge zu regeln?
Fachliche Betrachtung:
Entscheidend ist, auf welcher Nachfolgeebene (Geschäftsleitung, Eigentum oder Vermögen) der Inhaber eine Lösung sucht. Die einzelnen Ebenen müssen dabei differenziert betrachtet werden. Das braucht eine bewusste Absicht und einen klaren Willen.
Das Vorgehen zur Bearbeitung der Nachfolgethemen ist unterschiedlich, je nachdem, ob eine Nachfolgelösung auf der Ebene der Geschäftsleitung (Business-Verständnis, Personalführung und Selbstführung) oder auf der Ebene des Eigentums (Unternehmensbewertung, Finanzierung, Steuern, Verträge) gefunden werden soll.
Ohne einen klaren Willen bleibt aber jede Planung theoretisch. Wer keine Nachfolge möchte, hat auch nichts zu planen.
Stolpersteine / Implikationen:
Aufschub aus Bequemlichkeit oder emotionaler Bindung, Überschätzung der eigenen Unersetzlichkeit, fehlende Priorisierung im Alltag.
Persönliche Erfahrung als Übergeber:
Für mich als Angesprochenen war diese ursprüngliche Frage ein klarer Appell. Als Nachfolgeberater und selbst Firmeninhaber willst du für deine Mandanten eine Art Vorbild sein. Du willst aufzeigen, dass deine Kompetenzen in deiner eigenen Situation wirksam und erfolgreich zu Lösungen führen. Du willst glaubwürdig sein – sowohl gegenüber Kunden und Mitarbeitenden als auch gegenüber GL-Kollegen!
Handlungsmöglichkeiten:
Klare Entscheidung über den eigenen Zeithorizont, frühzeitiger Einbezug von Nachfolgeinstrumenten und professioneller Austausch mit neutralen Dritten.
— Mehr zum Thema Übertragungsebene (Eigentums‑, Führung- und Vermögensnachfolge) finden Sie im Dossier von St. Galler Nachfolge “KMU Nachfolge wirkungsvoll gestalten” in Kapitel 2.3 (Schrift Nr. 02).
Was ist mein Unternehmen wert?
Was ist das Unternehmen überhaupt wert – ohne mich, mit über 20 Jahren Geschäftsbeziehung, selbst als Mandatsträger und Ertragsträger? Und das aus der Sicht potenzieller Käufer/Nachfolger:innen?
Fachliche Betrachtung:
Der Unternehmenswert entsteht aus wiederkehrenden Erträgen, übertragbaren Strukturen und einem unabhängigen Team – nicht primär aus der Person des Inhabers.
Stolpersteine / Implikationen:
Emotionaler Besitzstand, unrealistische Preisvorstellungen, schwierige Abgrenzung zwischen Unternehmer- und Personenwert.
— Welche Faktoren und Dynamiken den Unternehmenswert ebenfalls beeinflussen, dazu finden Sie mehr im Dossier von St. Galler Nachfolge “KMU Nachfolge und der emotionale Wert” (Schrift Nr. 08).
Persönliche Erfahrung als Übergeber:
Ich musste erkennen, dass nicht mein persönliches Netzwerk, sondern die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens zählt. Wie nachfolgewürdig und nachfolgefähig ist mein Unternehmen? Der Erfolg des Unternehmens durfte nicht (mehr) von mir abhängig sein — ich musste jede Abhängigkeit von mir bestmöglich auflösen.
Zu diesem Zweck habe ich immer mehr Verantwortungen an meine potenziellen Nachfolger (interne Mitarbeitende/Führungskräfte) abgegeben. Dies geschah, indem ich ihnen Bereiche entlang unserer Wertschöpfungskette (Angebotsmanagement, Projekte, Verrechnung etc.) zuordnete. Zudem gab ich ihnen die dazugehörige Unterzeichnungsberechtigung (HR-Eintrag), um ihre Verantwortung zu erhöhen.
«Für mich war es wie ein Seiltanz — was, wenn mein Vertrauen missbraucht wird?»
Für mich war es ein Seiltanz, bei dem ich manchmal in die Tiefe blickte. Wird mein Vertrauen vielleicht missbraucht und stehe ich am Ende ohne alles da? Natürlich war ich immer noch der Hauptinhaber, aber was wäre, wenn diese Schlüsselpersonen das Geschäft verlassen würden?
Diese Gedanken veranlassten mich, ihnen mehr Anteile zu einem fairen Preis zugänglich zu machen, um eine höhere Verbindlichkeit zu erreichen. Das war nur möglich, weil ich meinen Leuten zu 100 % vertraute. Ansonsten hätte ich es nicht so angegangen.
Handlungsmöglichkeiten:
Frühzeitiger Aufbau teambasierter Mandate, Bereitschaft zur stufenweise Verantwortungsübergabe, Erstellung eines objektiven Bewertungsmodells (ev. Bestandteil eines ABV), transparente Kommunikation des Wertansatzes gegenüber potenziellen Nachfolgern.
— Wie Führungsnachfolge gelingt sowie wichtige Informationen rund um ABV und Notfallordner werden im Dossier “KMU Führungsnachfolge” vertieft (Schrift Nr. 12).
„Wer kommt als Nachfolgerin oder als Nachfolger infrage?
Muss ich zuerst meine erwachsenen Söhne fragen oder schaue ich mich im eigenen Unternehmen um, wer dafür geeignet wäre? Wie soll die Zusammenarbeit mit den bestehenden Nachfolgeanwärtern bei Einbezug eines Dritten aussehen?
Fachliche Betrachtung:
Nachfolgeentscheidungen sollten Kompetenz, Motivation und Passung (Business-Kenntnisse, Mitarbeiterführung sowie Selbstführung) priorisieren.
Grundsätzlich gib es mehrere Optionen, um eine gute Nachfolgelösung zu finden: Ansätze wie Family by out (FBO), Management by out (MBO) oder Management by in (MBI) verfolgen einer transformationale Logik. Merge and Akquisition (M&A) und Liquidation (Liq.) sind von einer transaktionalen Logik geprägt (Nachfolgeoptionen im Überblick).
Stolpersteine / Implikationen:
Emotionaler Druck in der Familie, Rollenkonflikte im Team, unklare Erwartungen an eine Team-Nachfolge.
Persönliche Erfahrung als Übergeber:
Familiäre Nähe erleichtert nicht immer die Lösung, manchmal behindert sie sogar die Objektivität. Trotzdem wollte ich wissen, ob meine Söhne überhaupt Interesse hatten.
«Familiäre Nähe erleichtert nicht immer die Lösung, manchmal behindert sie die Objektivität.»
Der ältere war beruflich in einer anderen Branche tätig und der jüngere hatte sein Fähigkeitszeugnis als Informatiker kürzlich erhalten und die Rekrutenschule absolviert. Ich habe mit jedem Einzelnen mehrere Gespräche geführt und beide konnten sich eine Nachfolge nicht vorstellen.
Trotzdem haben uns diese Gespräche nähergebracht. Schlussendlich habe ich mich für eine Mischung aus „MBI“ und „MBO“ entschieden.
Bereits seit mehreren Jahren hatte ich festgestellt, dass sich zwei meiner sehr aktiven Führungskräfte sehr stark mit unserem Unternehmen identifizieren. Diese Signale veranlassten mich, zuerst im 1:1‑Dialog mit ihnen über eine zukünftige Nachfolge zu sprechen. Schlussendlich ergab sich, dass beide in einer komplementären Haltung eine starke Kohäsion bildeten.
Während dieses Prozesses bot sich die Möglichkeit, mit einer dritten, externen Person (MBO), mit der wir bereits seit Langem verschiedene Nachfolgeszenarien besprachen, zusammenzuarbeiten.
Alle drei konnten mich mit der neuen Strategie, die sie unter meiner Beauftragung erarbeitet haben, und dem neuen Führungsverständnis, das sie unter sich ausgemacht und mir präsentiert haben, überzeugen. Für mich war klar: das sind die richtigen Personen, um meine Nachfolge umzusetzen.
Handlungsmöglichkeiten:
Eignungsabklärung, transparente Kriterien, gezielte Vorbereitung (z. B. über Miteigentumsmodelle).
— Die KMU Nachfolge als Vision in die Realität umsetzen. Mehr dazu im Dossier “KMU Nachfolge und meine Vision” (Schrift Nr. 03).
„Wie viel Zeit gebe ich zur Finanzierung der jeweiligen Aktienanteile?
Was ist die Unterschrift auf einem Kaufvertrag wert, wenn das Geschäft weniger rund läuft, in dem Wissen, dass das Einkommen der Nachfolger vom Geschäftsergebnis des Unternehmens abhängig ist?
Fachliche Betrachtung:
Sowohl für den Nachfolger als auch für den die abtretenden und übergebende Partei müssen Zahlungsmodelle und Earn-out-Strukturen Stabilität und Sicherheit gewährleisten.
Die Finanzierung der verkauften Anteile hängt häufig vom guten Geschäftsverlauf des Unternehmens ab. Die Käufer bzw. Nachfolger sind auf das Einkommen und gegebenenfalls auf Dividenden des Unternehmens angewiesen. Dabei sind steuerliche Aspekte sowohl für den Verkäufer als auch für den Käufer zu berücksichtigen.
Stolpersteine / Implikationen:
Zu lange Kreditlaufzeiten, zu hohe Belastung für Nachfolger, unklare Regelungen bei Leistungsschwankungen.
Persönliche Erfahrung als Übergeber:
Ich wollte fair bleiben, aber nicht naiv. Nachfolge ist schliesslich auch ein ökonomischer Prozess. Am Anfang, bis sich eine klarere Nachfolgelösung abzeichnete, bot ich kleine Beteiligungen an, um eine gewisse Verbindlichkeit zu erreichen.
Tatsächlich gab es in diesem Zusammenhang eine Bereinigung, da ein damaliger potenzieller Nachfolger seine Rechte abtrat. Das hat mir viele unruhige und schlaflose Nächte beschert, teilweise hatte ich sogar Zukunftsängste.
«Ich wollte fair sein, aber nicht naiv. Nachfolge ist auch ein ökonomischer Prozess.»
Ab dem Moment, in dem die Nachfolgelösung wieder eindeutiger war und der Wille da, einen vereinbarten Plan mit grösseren Beteiligungsschritten umzusetzen, erfolgte die Transaktion etappenweise, Jahr für Jahr. Dabei orientierte sich der Preis jeweils am inneren Wert (Substanzwert + 2 x Ertragswert / 3).
Handlungsmöglichkeiten:
Klare Staffelungsmodelle, abgestufte Eigentumsübertragung, ergänzende Sicherheiten oder Beteiligungsformen.
— Die Grundlagen für ein Finanzierungskonzept sind im Dosser “KMU Nachfolge und die Finanzierung” (Schrift Nr. 09) ausgeführt. Im Dossier “KMU Nachfolge und die Bewertung” führen wir die wesentlichen Grundlagen rund um das Thema Bewertung aus.
Kommunikation der Nachfolge
Wann und wie kommunizieren wir den Führungswechsel den Kunden und Partnern?
Fachliche Betrachtung:
Eine offene, wohl dosierte Kommunikation schafft Vertrauen und Stabilität – intern wie extern.
Stolpersteine / Implikationen:
Zu frühe oder zu späte Information, Verunsicherung bei Kunden, unklare Rollen während der Übergangsphase.
«Meine Nachfolge zu kommunizieren — das war der emotionalste Schritt für mich.»
Persönliche Erfahrung als Übergeber:
Das war der emotionalste Moment – die öffentliche Anerkennung meines Rückzugs.
Handlungsmöglichkeiten:
Kommunikationsplan mit klarer Rollenaufteilung, persönliche Gespräche mit Schlüsselkunden, sichtbare Übergabe-Momente.
Fazit: intensiv und spannend!
Meine eigene Nachfolge zu regeln, war eine intensive und spannende Reise. Meine Empfehlungen aus meinen gemachten Erfahrungen sind:
- Akzeptiere, dass du nicht immer die Situation vollständig kontrollieren kannst.
- Halte dir immer vor Augen, dass es einen Weg zur Lösung gibt, wenn du ein klares Ziel verfolgst – aber auch nur dann, wenn du wirklich ein Ziel hast: denke in Szenarien!
- Du bist nicht allein in so einer Situation. Hab den Mut, dir Hilfe und Unterstützung zu holen. Fachpersonen mit Erfahrungen auf dem Gebiet stehen dir zur Seite.
Eine Nachfolge zu regeln erfordert Arbeit, Mut und einen klaren Blick in die Zukunft. Sich den Fragen ehrlich zu stellen – das ist bereits die „halbe Miete“. Sowie frühzeitig mit der Planung zu beginnen.
Jene, die sich vertieft mit einzelnen Themen auseinandersetzen möchten, laden wir ein, in unseren Blogbeiträgen zu stöbern, die Videogespräche zu schauen oder sich in unsere Fach-Dossiers zu vertiefen, die wir kostenlos zum Download zur Verfügung stellen.
Im Download-Center stellen wir Ihnen diverse Unterlagen und Arbeitsblätter kostenlos zur Verfügung.
In Blog-Beitrag 54 beschreibt Patrik Landolfo seine persönlichen Erfahrungen während dem Prozess der eigenen Nachfolge.
ÜBER PATRIK LANDOLFO
Patrik Landolfo ist Organisationsentwickler und Nachfolgeberater. Für sein Unternehmen five‑e business AG, dessen Inhaber und Geschäftsführer er während mehr als zwanzig Jahren war, hat er per März 2026 die Führungs- und Eigentumsnachfolge erfolgreich abgeschlossen. Heute ist er als Mandatsträger im Bereich Nachfolge weiterhin aktiv. Mit seiner Expertise als Wirtschaftsmediator und Organisationsberater begleitet er Kundinnen und Kunden durch Nachfolgeprozesse.
Fotonachweis: Shutterstock