Blog 58 | Unternehmerfamilien und ihr Vermögen: Vermögen als Aufgabe und Erben als Verantwortung 

Vermögen zu erben, das man nicht selbst aufgebaut hat, bedeutet nicht einfach pures Glück, wie Aussen­ste­hende oft meinen. Es beinhaltet auch Arbeit, die nicht offen­sichtlich ist. Der Übergang von der einen zur nächsten Generation dauert oft Jahre und gelingt selten reibungslos. Dieser Beitrag zeigt auf, welche Fragen bei diesem Prozess weiter­helfen können – und warum Erben Verant­wortung bedeutet. Er basiert massgeblich auf der Grundlage des Buches „Erbe als Verant­wortung – Ein Kompass für die nächste Generation“ der Autoren Jorge Frey und Eugen Stamm.

Vermögen ist mehr als Geld

Erben fühlt sich in Unter­neh­mer­fa­milien für die nächste Generation oft wie ein Auftrag an, den man nicht selbst geschrieben hat. Das Vermögen besteht selten nur aus finan­zi­ellen Werten. Es umfasst auch Bezie­hungen, Einfluss, Rollen und oft die Geschichte eines Unter­nehmens, das über Genera­tionen aufgebaut und geführt wurde. 

Wenn ein Famili­en­un­ter­nehmen Teil dieses Vermögens ist, wird die Nachfolge entspre­chend anspruchsvoll: Es geht nicht nur um Eigentum oder Kapital, sondern auch darum, wer welche Rolle übernimmt und wofür das Vermögen künftig stehen soll. Es stellt sich beim Erben die entschei­dende Frage: Wie gelingt die Vermö­gens­nach­folge so, dass Unter­nehmen und Familie langfristig stabil bleiben?

Mit dem Vermögen werden nicht nur Werte übertragen, sondern auch Erwar­tungen, Rollen­bilder und Verantwortung.

Jorge Frey, begleitet Familien beim Vermögensübergang

Vermö­gens­nach­folge ist deshalb immer auch ein persön­licher Prozess. Rollen verändern sich, Verant­wortung verschiebt sich zwischen den Genera­tionen. Da können auch Konflikte aufbrechen und Famili­en­strei­tig­keiten, wenn Werte und Welten aufeinandprallen.

Jorge Frey, der seit vielen Jahren Familien beim Übergang von Vermögen an die nächste Generation begleitet und sich auf Fragen der Familien-Gover­nance spezia­li­siert hat, formu­liert das Verhindern von Konflikten als eine wichtige Aufgabe, die poten­ziell mit Vermögen zusammenhängt.

Wenn sich jemand schwer tut damit, eines Tages ein Vermögen zu übernehmen, ist das für Aussen­ste­hende selten nachvoll­ziehbar – erscheint es doch für die meisten als pures Glück.

Jorge Frey, Experte Vermögensnachfolge

Für sein jüngstes Buch „Erbe als Verant­wortung – Ein Kompass für die nächste Generation“ (Jorge Frey/Eugen Stamm, NZZ Libro, 2025) hat er zusammen mit seinem Co-Autoren mit verschie­denen Personen gesprochen, die aus finan­ziell privi­le­gierten Familien stammen. Die Befragten nannten folgende Family-Gover­nance-Instru­mente als am effizientesten:

  • Konti­nu­ier­liche inner­fa­mi­liäre Kommunikation
  • Regel­mässige formale Zusammenkünfte
  • Die Zusam­men­arbeit mit externen Beratern

Die Perspektive der nächsten Generation 

Eine weitere zentrale Erkenntnis aus den über dreissig Inter­views und Erfah­rungs­be­richten: Verant­wortung entsteht nicht automa­tisch durch Besitz. Sie entwickelt sich durch Dialog innerhalb der Familie und durch die Möglichkeit, eine eigene Haltung zum Famili­en­ver­mögen zu entwickeln. Wichtig ist dabei ein konti­nu­ier­licher, synchroner Austausch über Vermögen und gemeinsame Marsch­richtung – wobei auch «materiell getrennte Wege» eine legitime Option sein können, wenn sich die Lebens­ent­würfe innerhalb der Familie zu stark unterscheiden. 

Der Vermögens-Übergang von der einen zur nächsten Generation gelingt selten reibungslos. Eltern müssen ihre Kinder an das Vermögen heran­führen und recht­zeitig loslassen – und die Kinder müssen für sich ausmachen, wie stark das Vermögen, welches nicht von ihnen geschaffen wurde, ihr Leben beein­flussen soll und wie sie es weiter­führen wollen.

Jorge Frey, Autor und Berater

Für viele Nachfol­ge­rinnen und Nachfolger stellen sich dabei ganz grund­le­gende Fragen: Wie gehe ich mit einem Vermögen um, das ich nicht selbst aufgebaut habe? Welche Rolle möchte ich in der Unter­neh­mer­fa­milie übernehmen? Und wie bleiben Bezie­hungen stabil, auch wenn die Geschwister andere Lebens­ent­würfe verfolgen als ich selbst?

Als Orien­tie­rungs­rahmen für einen solchen Prozess kann die im Buch beschriebene Frey-Stamm-Methode (FSM) dienen, mit der sich die nächste Generation schritt­weise auf das Vermögen vorbe­reiten kann. Die Familie sollte zu neun Themen­be­reiche Klarheit erlangen:

  • Famili­en­ver­mögen: Herkunft, Komple­xität und Organi­sation der materi­ellen Werte
  • Rollen­defi­nition: Form der Mitarbeit
  • Ethik und Wertediskussion
  • Identi­fi­kation: persön­liche Präfe­renzen und Motivation kennen
  • Sippe: Netzwerk
  • Todesfall: vorbe­reitet sein
  • Autonomie: Fähig­keiten ausbauen im Umgang mit dem Vermögen
  • Mein Erbe: sich selbst aufs Weiter­ver­erben vorbereiten
  • Mission

Drei Fragen, die mehr bringen als die zehnte Rendite-Diskussion

In vielen Familien drehen sich Gespräche über die Nachfolge lange um Zahlen: Unter­neh­menswert, Rendite, Ausschüt­tungen, Steuer­fragen. Diese Themen sind wichtig – doch in der Praxis zeigt sich häufig, dass die eigent­lichen Konflikte an anderer Stelle entstehen. Drei Fragen helfen, den Blick zu weiten:

  • Welche Rolle will ich als Eigen­tü­merin oder Eigen­tümer übernehmen – und welche nicht? Mitent­scheiden, operativ führen, nur infor­miert sein oder sich gesell­schaftlich engagieren: Unter­schied­liche Rollen sind legitim, solange sie bewusst geklärt werden.
  • Wofür soll dieses Vermögen da sein – in einem Satz? Geht es vor allem um Sicherheit für die Familie, um unter­neh­me­rische Freiheit, um Chancen für die nächste Generation oder auch um einen Beitrag an die Region oder Gesellschaft?
  • Was ist “genug”? Ab wann ist der Sicher­heits­bedarf der Familie gedeckt – und wofür wird ein allfäl­liger Überschuss eingesetzt?

Wenn die nächste Generation neue Themen einbringt

Ein typisches Muster aus der Beratungs­praxis: Die jüngere Generation möchte einen Teil des Famili­en­ver­mögens wirkungs­ori­en­tierter investieren oder neue Schwer­punkte setzen – etwa nachhaltige Anlagen oder gesell­schaft­liches Engagement. Die ältere Generation reagiert darauf mitunter skeptisch, häufig nicht aus Ablehnung, sondern aus Sorge um Stabi­lität und Verantwortung.

In solchen Situa­tionen führen Grund­satz­de­batten selten weiter. Wirksamer ist es, Haltung und Technik zu trennen: zuerst die Werte klären, dann erst die Instru­mente auswählen. Bewährt hat sich zudem eine Pilot­logik statt einer Alles-oder-nichts-Entscheidung: ein begrenzter Anteil des Vermögens wird reser­viert, Kriterien für Erfolg und Risiko werden gemeinsam definiert, und nach einer verein­barten Frist – etwa zwölf Monaten – zieht die Familie gemeinsam Bilanz: Was hat funktio­niert, was nicht? So wird ein neues Thema zum gemein­samen Lernfeld statt zur Generationenprobe.

Warum klare Spielregeln Familie und Unternehmen schützen

Vermö­gens­nach­folge funktio­niert selten dauerhaft über implizite Erwar­tungen. Je grösser Vermögen und Familie werden, desto wichtiger werden klare Struk­turen – sonst entstehen Konflikte an der falschen Stelle. In der Praxis lohnt es sich, minde­stens folgende Fragen frühzeitig zu klären:

  • Eigentum:
    Wem gehört was, und wie sind Stimm­rechte geregelt – etwa über Holding- oder Poolstrukturen?
  • Führung:
    Wer führt operativ, wer entscheidet strategisch?
  • Mitwirkung:
    Wer darf bei welchen Themen mitreden?
  • Trans­parenz:
    Welche Infor­ma­tionen erhalten passive Eigen­tü­me­rinnen und Eigen­tümer – wann und in welcher Tiefe? Trans­parenz heisst nicht, dass alle jederzeit alles wissen, sondern dass jede Rolle die zu ihr passende Infor­mation erhält, regel­mässig und planbar statt nur im Krisenmodus.
  • Konflikt­lösung:
    Wie wird Streit geklärt, bevor er eskaliert – etwa über einen Beirat, eine Media­ti­ons­klausel oder eine festge­legte Moderation?
  • Notfall­fä­higkeit:
    Wer darf was, wenn unerwartet etwas passiert? Dazu gehören Stell­ver­tre­tungen, Zugänge, Unter­schrif­ten­re­ge­lungen und ein klarer Kommunikationsplan.

Solche Spiel­regeln schützen nicht nur das Unter­nehmen, sondern auch die Bezie­hungen innerhalb der Familie. Sie sind besonders dann wertvoll, wenn auch gesell­schaft­liches Engagement oder Philan­thropie struk­tu­riert statt beliebig angegangen werden sollen: mit einem klaren Fokus, definierten Kriterien, geregelter Zustän­digkeit und einem jährlichen Review.

Ein praktischer Startpunkt: der Vermögens-Kompass

Viele Familien glauben, sie bräuchten für solche Fragen sofort umfas­sende Gover­nance-Struk­turen. In der Praxis reicht häufig ein erster, einfacher Schritt: ein Vermögens-Kompass auf einer Seite, der später in ausführ­li­chere Dokumente überführt werden kann. Dazu gehören:

  • der Zweck des Vermögens in einem Satz, ergänzt um drei zentrale Leitwerte der Eigentümerfamilie,
  • die Rollen der Famili­en­mit­glieder zwischen Eigentum, Führung und Mitwirkung,
  • Grund­sätze für den Umgang mit Dividenden und Investitionen,
  • Pilot­felder, in denen die nächste Generation neue Ideen auspro­bieren darf,
  • sowie eine Notfall­re­gelung: Wer darf was, wenn plötzlich etwas passiert?

Ein solcher Kompass ersetzt keine Verträge oder Gesell­schaf­ter­ver­ein­ba­rungen. Aber er schafft die Orien­tierung, die es braucht, um aus vagen Erwar­tungen klare Verant­wort­lich­keiten zu machen.

Fazit: Vermögen weitergeben heisst Verantwortung gestalten

Die Vermö­gens­nach­folge in Famili­en­un­ter­nehmen ist weit mehr als eine recht­liche oder finan­zielle Aufgabe. Wer Vermögen und Verant­wortung weiter­geben will, ohne dass Bezie­hungen darunter leiden, braucht einen Kompass und klare Spiel­regeln – nicht ausschliesslich Verträge. 

Unter­nehmen und Vermögen geordnet und möglichst friedlich an die nächste Generation zu überführen, gelingt nicht von einem Tag auf den andern. Ein solcher Prozess kann Jahre dauern.

Jorge Frey, begleitet Familien beim Vermögensübergang

Vermö­gens­nach­folge ist vor allem ein Prozess der Klärung – von Rollen, Erwar­tungen und Verant­wortung zwischen den Genera­tionen. Die entschei­dende Frage lautet deshalb nicht nur «Wie verteilen wir das Vermögen?», sondern «Wie wollen wir als Eigen­tü­mer­fa­milie damit umgehen – heute und in Zukunft?»

Wenn Familien diese Frage frühzeitig gemeinsam disku­tieren, entsteht nicht nur eine stabilere Nachfol­ge­lösung. Es entsteht auch Vertrauen zwischen den Generationen.

Mehr zum Thema

Auf unserer Plattform finden Sie weiter­füh­rende Unter­lagen rund um Themen der Unter­nehmens­nach­folge. Im Download-Center stellen wir Ihnen diverse Unter­lagen und Arbeits­blätter kostenlos zur Verfügung.

Frey, Jorge / Stamm, Eugen (2025): Erbe als Verant­wortung – Ein Kompass für die nächste Generation. Basel: NZZ Libro. ISBN 978–3‑03980–031‑5.

Fotonachweis: Shutter­stock

Bild von Frank Halter

Frank Halter

Frank Halter ist ausgewiesener Nachfolgeexperte, der sich seit vielen Jahren mit Passion für Nachfolgelösungen einsetzt, die Bestand haben und für alle ein Gewinn sein sollen: für das KMU, für die übergebende und die übernehmende Generation. Er hat das St. Galler Nachfolge-Modell mitentwickelt und betreibt die «St. Galler Nachfolge-Praxis», eine unabhängige Plattform für Wissen und Erfahrung rund um das Thema Unternehmensnachfolge.

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