Kernaussagen
- Vermögen zu erben, bedeutet, auch die Verantwortung für Rollen, Erwartungen und Beziehungen zu übernehmen.
- Vermögensnachfolge kann Jahre dauern und gelingt selten reibungslos. Konfliktpunkte sind weniger Rendite-Diskussionen, als vielmehr die Diskussion über Rollen, Sinn und Ziel.
- Klare Spielregeln zu Eigentum, Führung, Mitwirkung und Konfliktlösung schützen sowohl das Unternehmen als auch den Zusammenhalt der Familie. Je grösser Vermögen und Familie sind, desto wichtiger werden bei der Vermögensnachfolge diese klaren Strukturen.
Diese Fragen werden beantwortet
- Wie gelingt Vermögensnachfolge so, dass Unternehmen und Familie langfristig stabil bleiben?
- Welche Family-Governance-Instrumente helfen der nächsten Generation, Verantwortung für das Familienvermögen zu übernehmen?
- Welche Spielregeln zu Eigentum, Führung und Konfliktlösung sollten Unternehmerfamilien bei der Unternehmensnachfolge frühzeitig klären?
Vermögen zu erben, das man nicht selbst aufgebaut hat, bedeutet nicht einfach pures Glück, wie Aussenstehende oft meinen. Es beinhaltet auch Arbeit, die nicht offensichtlich ist. Der Übergang von der einen zur nächsten Generation dauert oft Jahre und gelingt selten reibungslos. Dieser Beitrag zeigt auf, welche Fragen bei diesem Prozess weiterhelfen können – und warum Erben Verantwortung bedeutet. Er basiert massgeblich auf der Grundlage des Buches „Erbe als Verantwortung – Ein Kompass für die nächste Generation“ der Autoren Jorge Frey und Eugen Stamm.
Vermögen ist mehr als Geld
Erben fühlt sich in Unternehmerfamilien für die nächste Generation oft wie ein Auftrag an, den man nicht selbst geschrieben hat. Das Vermögen besteht selten nur aus finanziellen Werten. Es umfasst auch Beziehungen, Einfluss, Rollen und oft die Geschichte eines Unternehmens, das über Generationen aufgebaut und geführt wurde.
Wenn ein Familienunternehmen Teil dieses Vermögens ist, wird die Nachfolge entsprechend anspruchsvoll: Es geht nicht nur um Eigentum oder Kapital, sondern auch darum, wer welche Rolle übernimmt und wofür das Vermögen künftig stehen soll. Es stellt sich beim Erben die entscheidende Frage: Wie gelingt die Vermögensnachfolge so, dass Unternehmen und Familie langfristig stabil bleiben?
Mit dem Vermögen werden nicht nur Werte übertragen, sondern auch Erwartungen, Rollenbilder und Verantwortung.
Jorge Frey, begleitet Familien beim Vermögensübergang
Vermögensnachfolge ist deshalb immer auch ein persönlicher Prozess. Rollen verändern sich, Verantwortung verschiebt sich zwischen den Generationen. Da können auch Konflikte aufbrechen und Familienstreitigkeiten, wenn Werte und Welten aufeinandprallen.
Jorge Frey, der seit vielen Jahren Familien beim Übergang von Vermögen an die nächste Generation begleitet und sich auf Fragen der Familien-Governance spezialisiert hat, formuliert das Verhindern von Konflikten als eine wichtige Aufgabe, die potenziell mit Vermögen zusammenhängt.
Wenn sich jemand schwer tut damit, eines Tages ein Vermögen zu übernehmen, ist das für Aussenstehende selten nachvollziehbar – erscheint es doch für die meisten als pures Glück.
Jorge Frey, Experte Vermögensnachfolge
Für sein jüngstes Buch „Erbe als Verantwortung – Ein Kompass für die nächste Generation“ (Jorge Frey/Eugen Stamm, NZZ Libro, 2025) hat er zusammen mit seinem Co-Autoren mit verschiedenen Personen gesprochen, die aus finanziell privilegierten Familien stammen. Die Befragten nannten folgende Family-Governance-Instrumente als am effizientesten:
- Kontinuierliche innerfamiliäre Kommunikation
- Regelmässige formale Zusammenkünfte
- Die Zusammenarbeit mit externen Beratern
Die Perspektive der nächsten Generation
Eine weitere zentrale Erkenntnis aus den über dreissig Interviews und Erfahrungsberichten: Verantwortung entsteht nicht automatisch durch Besitz. Sie entwickelt sich durch Dialog innerhalb der Familie und durch die Möglichkeit, eine eigene Haltung zum Familienvermögen zu entwickeln. Wichtig ist dabei ein kontinuierlicher, synchroner Austausch über Vermögen und gemeinsame Marschrichtung – wobei auch «materiell getrennte Wege» eine legitime Option sein können, wenn sich die Lebensentwürfe innerhalb der Familie zu stark unterscheiden.
Der Vermögens-Übergang von der einen zur nächsten Generation gelingt selten reibungslos. Eltern müssen ihre Kinder an das Vermögen heranführen und rechtzeitig loslassen – und die Kinder müssen für sich ausmachen, wie stark das Vermögen, welches nicht von ihnen geschaffen wurde, ihr Leben beeinflussen soll und wie sie es weiterführen wollen.
Jorge Frey, Autor und Berater
Für viele Nachfolgerinnen und Nachfolger stellen sich dabei ganz grundlegende Fragen: Wie gehe ich mit einem Vermögen um, das ich nicht selbst aufgebaut habe? Welche Rolle möchte ich in der Unternehmerfamilie übernehmen? Und wie bleiben Beziehungen stabil, auch wenn die Geschwister andere Lebensentwürfe verfolgen als ich selbst?
Als Orientierungsrahmen für einen solchen Prozess kann die im Buch beschriebene Frey-Stamm-Methode (FSM) dienen, mit der sich die nächste Generation schrittweise auf das Vermögen vorbereiten kann. Die Familie sollte zu neun Themenbereiche Klarheit erlangen:
- Familienvermögen: Herkunft, Komplexität und Organisation der materiellen Werte
- Rollendefinition: Form der Mitarbeit
- Ethik und Wertediskussion
- Identifikation: persönliche Präferenzen und Motivation kennen
- Sippe: Netzwerk
- Todesfall: vorbereitet sein
- Autonomie: Fähigkeiten ausbauen im Umgang mit dem Vermögen
- Mein Erbe: sich selbst aufs Weitervererben vorbereiten
- Mission
Drei Fragen, die mehr bringen als die zehnte Rendite-Diskussion
In vielen Familien drehen sich Gespräche über die Nachfolge lange um Zahlen: Unternehmenswert, Rendite, Ausschüttungen, Steuerfragen. Diese Themen sind wichtig – doch in der Praxis zeigt sich häufig, dass die eigentlichen Konflikte an anderer Stelle entstehen. Drei Fragen helfen, den Blick zu weiten:
- Welche Rolle will ich als Eigentümerin oder Eigentümer übernehmen – und welche nicht? Mitentscheiden, operativ führen, nur informiert sein oder sich gesellschaftlich engagieren: Unterschiedliche Rollen sind legitim, solange sie bewusst geklärt werden.
- Wofür soll dieses Vermögen da sein – in einem Satz? Geht es vor allem um Sicherheit für die Familie, um unternehmerische Freiheit, um Chancen für die nächste Generation oder auch um einen Beitrag an die Region oder Gesellschaft?
- Was ist “genug”? Ab wann ist der Sicherheitsbedarf der Familie gedeckt – und wofür wird ein allfälliger Überschuss eingesetzt?
Wenn die nächste Generation neue Themen einbringt
Ein typisches Muster aus der Beratungspraxis: Die jüngere Generation möchte einen Teil des Familienvermögens wirkungsorientierter investieren oder neue Schwerpunkte setzen – etwa nachhaltige Anlagen oder gesellschaftliches Engagement. Die ältere Generation reagiert darauf mitunter skeptisch, häufig nicht aus Ablehnung, sondern aus Sorge um Stabilität und Verantwortung.
In solchen Situationen führen Grundsatzdebatten selten weiter. Wirksamer ist es, Haltung und Technik zu trennen: zuerst die Werte klären, dann erst die Instrumente auswählen. Bewährt hat sich zudem eine Pilotlogik statt einer Alles-oder-nichts-Entscheidung: ein begrenzter Anteil des Vermögens wird reserviert, Kriterien für Erfolg und Risiko werden gemeinsam definiert, und nach einer vereinbarten Frist – etwa zwölf Monaten – zieht die Familie gemeinsam Bilanz: Was hat funktioniert, was nicht? So wird ein neues Thema zum gemeinsamen Lernfeld statt zur Generationenprobe.
Warum klare Spielregeln Familie und Unternehmen schützen
Vermögensnachfolge funktioniert selten dauerhaft über implizite Erwartungen. Je grösser Vermögen und Familie werden, desto wichtiger werden klare Strukturen – sonst entstehen Konflikte an der falschen Stelle. In der Praxis lohnt es sich, mindestens folgende Fragen frühzeitig zu klären:
- Eigentum:
Wem gehört was, und wie sind Stimmrechte geregelt – etwa über Holding- oder Poolstrukturen? - Führung:
Wer führt operativ, wer entscheidet strategisch? - Mitwirkung:
Wer darf bei welchen Themen mitreden? - Transparenz:
Welche Informationen erhalten passive Eigentümerinnen und Eigentümer – wann und in welcher Tiefe? Transparenz heisst nicht, dass alle jederzeit alles wissen, sondern dass jede Rolle die zu ihr passende Information erhält, regelmässig und planbar statt nur im Krisenmodus. - Konfliktlösung:
Wie wird Streit geklärt, bevor er eskaliert – etwa über einen Beirat, eine Mediationsklausel oder eine festgelegte Moderation? - Notfallfähigkeit:
Wer darf was, wenn unerwartet etwas passiert? Dazu gehören Stellvertretungen, Zugänge, Unterschriftenregelungen und ein klarer Kommunikationsplan.
Solche Spielregeln schützen nicht nur das Unternehmen, sondern auch die Beziehungen innerhalb der Familie. Sie sind besonders dann wertvoll, wenn auch gesellschaftliches Engagement oder Philanthropie strukturiert statt beliebig angegangen werden sollen: mit einem klaren Fokus, definierten Kriterien, geregelter Zuständigkeit und einem jährlichen Review.
Ein praktischer Startpunkt: der Vermögens-Kompass
Viele Familien glauben, sie bräuchten für solche Fragen sofort umfassende Governance-Strukturen. In der Praxis reicht häufig ein erster, einfacher Schritt: ein Vermögens-Kompass auf einer Seite, der später in ausführlichere Dokumente überführt werden kann. Dazu gehören:
- der Zweck des Vermögens in einem Satz, ergänzt um drei zentrale Leitwerte der Eigentümerfamilie,
- die Rollen der Familienmitglieder zwischen Eigentum, Führung und Mitwirkung,
- Grundsätze für den Umgang mit Dividenden und Investitionen,
- Pilotfelder, in denen die nächste Generation neue Ideen ausprobieren darf,
- sowie eine Notfallregelung: Wer darf was, wenn plötzlich etwas passiert?
Ein solcher Kompass ersetzt keine Verträge oder Gesellschaftervereinbarungen. Aber er schafft die Orientierung, die es braucht, um aus vagen Erwartungen klare Verantwortlichkeiten zu machen.
Fazit: Vermögen weitergeben heisst Verantwortung gestalten
Die Vermögensnachfolge in Familienunternehmen ist weit mehr als eine rechtliche oder finanzielle Aufgabe. Wer Vermögen und Verantwortung weitergeben will, ohne dass Beziehungen darunter leiden, braucht einen Kompass und klare Spielregeln – nicht ausschliesslich Verträge.
Unternehmen und Vermögen geordnet und möglichst friedlich an die nächste Generation zu überführen, gelingt nicht von einem Tag auf den andern. Ein solcher Prozess kann Jahre dauern.
Jorge Frey, begleitet Familien beim Vermögensübergang
Vermögensnachfolge ist vor allem ein Prozess der Klärung – von Rollen, Erwartungen und Verantwortung zwischen den Generationen. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur «Wie verteilen wir das Vermögen?», sondern «Wie wollen wir als Eigentümerfamilie damit umgehen – heute und in Zukunft?»
Wenn Familien diese Frage frühzeitig gemeinsam diskutieren, entsteht nicht nur eine stabilere Nachfolgelösung. Es entsteht auch Vertrauen zwischen den Generationen.
Auf unserer Plattform finden Sie weiterführende Unterlagen rund um Themen der Unternehmensnachfolge. Im Download-Center stellen wir Ihnen diverse Unterlagen und Arbeitsblätter kostenlos zur Verfügung.
Frey, Jorge / Stamm, Eugen (2025): Erbe als Verantwortung – Ein Kompass für die nächste Generation. Basel: NZZ Libro. ISBN 978–3‑03980–031‑5.
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