Blog 53 | Verantwortungsvolles Unternehmertum: Haltung statt Rendite

Was macht verant­wor­tungs­volles Unter­neh­mertum aus? Nicht Rendi­te­ma­xi­mierung, sondern die Frage: Was ist gut fürs Unter­nehmen – heute und morgen. In unserer Beratungs­tä­tigkeit erleben wir täglich, wie Inhabe­rinnen und Inhaber von KMU unter­neh­me­rische Verant­wortung übernehmen, und sich dabei nicht in den Vorder­grund stellen. Meine Gedanken dazu, weshalb diese Haltung so wichtig ist.

Oft werde ich gefragt, was Unter­neh­mertum heute ausmacht. Wir haben diese Frage unlängst unter Berate­rinnen und Beratern im Rahmen von zwei Erfah­rungs­aus­tausch­gruppen eingehend disku­tiert. Bei dieser Gelegenheit ist mir ein altes Zitat in Erinnerung gekommen, das Winston Churchill zugeschrieben wird:

«Manche halten den Unter­nehmer für einen räudigen Wolf, den man totschlagen müsse; andere meinen, er sei eine Kuh, die man ununter­brochen melken könne; nur wenige sehen in ihm ein Pferd, das den Karren zieht.»

Auch wenn das Zitat etwas “ältlich” daher­kommt – in seinem Kern beinhaltet es Wahrheit. Es sind diese unter­neh­me­ri­schen Persön­lich­keiten, die sich allein oder im Team für eine Idee, ein Geschäfts­modell begei­stern und sich damit einer Unter­nehmung zuwenden – oder gar verschreiben. Sie “unter­nehmen” etwas mit Engagement und legen dort ihre Energie, ihr Herzblut hinein. 

Das Bild, dass der Unter­nehmer oder die Unter­neh­merin immer vorausgeht und den Karren allein zieht, ist aller­dings nicht mehr adäquat und würde vielen Vorstel­lungen und Empfeh­lungen hinsichtlich trans­for­ma­tio­nalem Führungsstil wider­sprechen. Also, dass Führungs­kräfte Sinn und Richtung geben, Mitar­bei­tende inspi­rieren sowie Eigen­ver­ant­wortung und Entwicklung fördern – statt lediglich Aufgaben zuzuweisen und zu kontrollieren. 

Gerade in Zeiten, in denen sich Unter­nehmen schneller verändern müssen, stärkt trans­for­ma­tionale Führung die Anpas­sungs­fä­higkeit einer Unter­nehmung, deren Innova­ti­ons­kraft und Bindung. Denn: Menschen bleiben eher, wenn sie Sinn, Wertschätzung und Entwicklung erleben.

Nicht Rendite, sondern Verantwortung

Wer sich als Unter­neh­merin oder Unter­nehmer engagiert, schwimmt nicht einfach mit dem Strom. Das heisst auch: man verschwindet nicht in einer Masse. Im Gegenteil: man wird sichtbar und steht darum auch schnell unter Beobachtung. Das kann wohlwollend und anerkennend sein – jedoch auch neidvoll.

Verant­wor­tungs­volles Unter­neh­mertum ist nicht:

  • Selbst­op­ti­mierung um jeden Preis,
  • kurzfri­stige Bereicherung,
  • auf Rendi­te­ma­xi­mierung ausgerichtet,
  • und auch nicht von einem kurzfri­stigen Denken geprägt.

Verantwortungsvolles Unternehmertum als Grundhaltung

Verant­wor­tungs­volles Unter­neh­mertum bedeutet, dass sich Unter­neh­me­rinnen und Unter­nehmer – allein oder als Team – langfristig in den Dienst ihres Unter­nehmens stellen. Im Kern ist es eine Hüter­rolle: Entschei­dungen werden so getroffen, dass das Unter­nehmen auch morgen noch gesund, wettbe­werbs­fähig und attraktiv bleibt — auch über die eigene Zeit hinaus, wenn man selber also nicht mehr in der Rolle der Unter­neh­merin oder des Inhabers ist. 

Die Art und Weise, wie Entschei­dungen herge­leitet, getroffen und umgesetzt werden — darin zeigt sich die Grund­haltung von verant­wor­tungs­vollem Unternehmertum.

Was heute als “Stewardship-Approach” umworben wird, ist im Kontext von Famili­en­un­ter­nehmen seit Jahren bekannt – und für viele KMU und ihre Unternehmer:innen nichts anderes als eine ganz natürlich, täglich gelebte Tugend.

Verant­wor­tungs­volles Unter­neh­mertum ist eine Grund­haltung. Sie hat einen massgeb­lichen Einfluss auf die gelebte Kultur im Unter­nehmen, auf die strate­gische Ausrichtung und auf die Struktur, wie das Unter­nehmen organi­siert ist. Dabei geht es weniger um recht­liche Struk­turen als um die Art und Weise, wie Entschei­dungen herge­leitet, getroffen und umgesetzt werden.

Ein Erlebnis aus der Praxis: Verantwortung und Generationenwechsel

Dieses Erlebnis möchte ich hier teilen: Im Rahmen einer Abend­ver­an­staltung durfte ich einen Jungun­ter­nehmer kennen­lernen, der erfolg­reich ein techno­lo­gie­ori­en­tiertes Start-up aufgebaut und seine Anteile an einen Investor verkauft hatte, um anschliessend in den elter­lichen Betrieb einzu­steigen. Etwas provo­kativ stellte ich ihm die Frage: “Wie verträgt sich, ein Start-up zu veräussern und gutes Geld zu machen, mit dem Einstieg in das Famili­en­un­ter­nehmen in der 3. oder 4. Generation?”

Ich gebe es zu: Meine Arbeits­hy­po­these war, dass viele Start-up-Unter­neh­me­rinnen und ‑Unter­nehmer ein Unter­nehmen gründen mit dem Hauptziel, am Schluss den grossen Deal im Rahmen des Exits zu reali­sieren – in der Schweiz sogar steuerfrei. Seine Antwort hat mir echt gefallen: “Wir haben uns bewusst für den Verkauf an einen strate­gi­schen (!) Partner entschieden, da der neue Partner das Unter­nehmen in die nächste Liga überführen kann. Aus eigener Kraft hätten wir dies nicht geschafft.”

Diese Selbst­re­flexion hat mich sehr angesprochen, denn hier war ein echter Steward in der Verant­wortung, der künftig bestimmt einen konstruk­tiven Einfluss auf das Famili­en­un­ter­nehmen ausüben wird.

Woran man verantwortungsvolles Unternehmertum erkennt

Verant­wor­tungs­volles Unter­neh­mertum bedeutet für mich persönlich:

  • Ich stelle die Frage ins Zentrum: “Was ist gut für das Unter­nehmen?” – und nicht: Was ist gut für mich als Inhaberin oder Inhaber.
  • Wenn es dem Unter­nehmen nicht gut geht, stelle ich meine eigenen Bedürf­nisse in den Hintergrund.
  • Ich übernehme die Verant­wortung (auch zusammen mit dem Team), dass es dem Unter­nehmen gut geht.
  • Ich (re)investiere regel­mässig in das Unternehmen.
  • Ich darf am Erfolg mitpar­ti­zi­pieren, wenn ich mich entspre­chend engagiere und dieses Engagement seine Wirkung entfacht – aber ich komme nicht an erster Stelle.

Dank unserer Arbeit mit sehr vielen KMU in der Schweiz erleben wir regel­mässig, dass:

  • Unter­neh­me­rinnen und Unter­nehmer den eigenen Lohn reduzieren oder auf Dividenden verzichten, wenn es dem Unter­nehmen finan­ziell nicht gut geht.
  • Gute Mitar­bei­tende bei finan­zi­ellen Engpässen nicht einfach entlassen werden.
  • Langjährige Mitar­bei­tende, die den Anfor­de­rungen nicht mehr gerecht werden, vor der Pensio­nierung nicht einfach entlassen werden.
  • Privates Geld als Risiko­ka­pital und/oder als Fremd­ka­pital dem Unter­nehmen zur Verfügung gestellt wird. Das Resultat ist, dass das private Vermögen alles andere als diver­si­fi­ziert ist (was Anlage­be­rater als Erstes empfehlen würden).

Diese vier Verhal­tens­muster beobachten wir wieder­kehrend und sehr häufig. Genau das entspricht für mich verant­wor­tungs­vollem Unternehmertum.

Drei Wünsche an Gesellschaft und Politik

Meine drei Wünsche lauten deshalb:

  • Stellen wir Verant­wortung und Eigen­ver­ant­wortung ins Zentrum des eigenen Tuns.
  • Schätzen wir es, dass in der heutigen Welt Individuen und Familien sich täglich so ins Zeug legen und damit Arbeits­plätze schaffen und erhalten.
  • Stellen wir sicher, dass die dazu notwen­digen Rahmen­be­din­gungen erhalten bleiben.

Wie zeigt sich Verant­wortung in Ihrem Betrieb – ganz konkret?

Wer sich unter­neh­me­risch und mit Herzblut engagiert, Arbeits­plätze schafft und erhält, der sollte weder als räudiger Wolf noch als zu melkende Kuh gelten, sondern Anerkennung erhalten für Verant­wor­tungs­über­nahme und den Dienst an einer Sache, die anderen zugutekommt.

Frage zum Schluss: Wie zeigt sich Verant­wortung in Ihrem Betrieb – ganz konkret, in Ihren Entschei­dungen von heute für morgen?

Mehr zum Thema

Jene, die sich vertieft mit einzelnen Themen ausein­an­der­setzen möchten, laden wir ein, in unseren Blogbei­trägen zu stöbern, die Video­ge­spräche zu schauen oder sich in unsere Fach-Dossiers zu vertiefen, die wir kostenlos zum Download zur Verfügung stellen.

Im Download-Center stellen wir Ihnen diverse Unter­lagen und Arbeits­blätter kostenlos zur Verfügung.

Fotonachweis: Shutter­stock

Bild von Frank Halter

Frank Halter

Frank Halter ist ausgewiesener Nachfolgeexperte, der sich seit vielen Jahren mit Passion für Nachfolgelösungen einsetzt, die Bestand haben und für alle ein Gewinn sein sollen: für das KMU, für die übergebende und die übernehmende Generation. Er hat das St. Galler Nachfolge-Modell mitentwickelt und betreibt die «St. Galler Nachfolge-Praxis», eine unabhängige Plattform für Wissen und Erfahrung rund um das Thema Unternehmensnachfolge.

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