Kernaussagen
- Verantwortungsvolles Unternehmertum ist eine gelebte Grundhaltung: Entscheidungen werden konsequent am langfristigen Wohl des Unternehmens ausgerichtet – nicht am kurzfristigen Eigeninteresse.
- Die Rolle der Unternehmerin oder des Unternehmers ist eine Hüterrolle: Das Unternehmen soll auch über die eigene Zeit hinaus gesund, wettbewerbsfähig und attraktiv bleiben.
- Was heute unter dem Begriff “Stewardship-Approach” diskutiert wird, ist für viele KMU in der Schweiz selbstverständliche Praxis – sichtbar in konkreten Verhaltensmustern wie Lohnverzicht, Loyalität gegenüber Mitarbeitenden und privatem Kapitaleinsatz zugunsten des Unternehmens.
Diese Fragen werden beantwortet
- Was unterscheidet verantwortungsvolles Unternehmertum von reiner Renditemaximierung – und woran lässt es sich im Alltag erkennen?
- Wie verändert ein Stewardship-Denken die Unternehmenskultur, die strategische Ausrichtung und die Art, wie Entscheidungen getroffen werden?
- Welche Rahmenbedingungen braucht es gesellschaftlich und politisch, damit verantwortungsvolles Unternehmertum – besonders im Kontext von Nachfolge und Generationenwechsel – gelingen kann?
Was macht verantwortungsvolles Unternehmertum aus? Nicht Renditemaximierung, sondern die Frage: Was ist gut fürs Unternehmen – heute und morgen. In unserer Beratungstätigkeit erleben wir täglich, wie Inhaberinnen und Inhaber von KMU unternehmerische Verantwortung übernehmen, und sich dabei nicht in den Vordergrund stellen. Meine Gedanken dazu, weshalb diese Haltung so wichtig ist.
Oft werde ich gefragt, was Unternehmertum heute ausmacht. Wir haben diese Frage unlängst unter Beraterinnen und Beratern im Rahmen von zwei Erfahrungsaustauschgruppen eingehend diskutiert. Bei dieser Gelegenheit ist mir ein altes Zitat in Erinnerung gekommen, das Winston Churchill zugeschrieben wird:
«Manche halten den Unternehmer für einen räudigen Wolf, den man totschlagen müsse; andere meinen, er sei eine Kuh, die man ununterbrochen melken könne; nur wenige sehen in ihm ein Pferd, das den Karren zieht.»
Auch wenn das Zitat etwas “ältlich” daherkommt – in seinem Kern beinhaltet es Wahrheit. Es sind diese unternehmerischen Persönlichkeiten, die sich allein oder im Team für eine Idee, ein Geschäftsmodell begeistern und sich damit einer Unternehmung zuwenden – oder gar verschreiben. Sie “unternehmen” etwas mit Engagement und legen dort ihre Energie, ihr Herzblut hinein.
Das Bild, dass der Unternehmer oder die Unternehmerin immer vorausgeht und den Karren allein zieht, ist allerdings nicht mehr adäquat und würde vielen Vorstellungen und Empfehlungen hinsichtlich transformationalem Führungsstil widersprechen. Also, dass Führungskräfte Sinn und Richtung geben, Mitarbeitende inspirieren sowie Eigenverantwortung und Entwicklung fördern – statt lediglich Aufgaben zuzuweisen und zu kontrollieren.
Gerade in Zeiten, in denen sich Unternehmen schneller verändern müssen, stärkt transformationale Führung die Anpassungsfähigkeit einer Unternehmung, deren Innovationskraft und Bindung. Denn: Menschen bleiben eher, wenn sie Sinn, Wertschätzung und Entwicklung erleben.
Nicht Rendite, sondern Verantwortung
Wer sich als Unternehmerin oder Unternehmer engagiert, schwimmt nicht einfach mit dem Strom. Das heisst auch: man verschwindet nicht in einer Masse. Im Gegenteil: man wird sichtbar und steht darum auch schnell unter Beobachtung. Das kann wohlwollend und anerkennend sein – jedoch auch neidvoll.
Verantwortungsvolles Unternehmertum ist nicht:
- Selbstoptimierung um jeden Preis,
- kurzfristige Bereicherung,
- auf Renditemaximierung ausgerichtet,
- und auch nicht von einem kurzfristigen Denken geprägt.
Verantwortungsvolles Unternehmertum als Grundhaltung
Verantwortungsvolles Unternehmertum bedeutet, dass sich Unternehmerinnen und Unternehmer – allein oder als Team – langfristig in den Dienst ihres Unternehmens stellen. Im Kern ist es eine Hüterrolle: Entscheidungen werden so getroffen, dass das Unternehmen auch morgen noch gesund, wettbewerbsfähig und attraktiv bleibt — auch über die eigene Zeit hinaus, wenn man selber also nicht mehr in der Rolle der Unternehmerin oder des Inhabers ist.
Die Art und Weise, wie Entscheidungen hergeleitet, getroffen und umgesetzt werden — darin zeigt sich die Grundhaltung von verantwortungsvollem Unternehmertum.
Was heute als “Stewardship-Approach” umworben wird, ist im Kontext von Familienunternehmen seit Jahren bekannt – und für viele KMU und ihre Unternehmer:innen nichts anderes als eine ganz natürlich, täglich gelebte Tugend.
Verantwortungsvolles Unternehmertum ist eine Grundhaltung. Sie hat einen massgeblichen Einfluss auf die gelebte Kultur im Unternehmen, auf die strategische Ausrichtung und auf die Struktur, wie das Unternehmen organisiert ist. Dabei geht es weniger um rechtliche Strukturen als um die Art und Weise, wie Entscheidungen hergeleitet, getroffen und umgesetzt werden.
Ein Erlebnis aus der Praxis: Verantwortung und Generationenwechsel
Dieses Erlebnis möchte ich hier teilen: Im Rahmen einer Abendveranstaltung durfte ich einen Jungunternehmer kennenlernen, der erfolgreich ein technologieorientiertes Start-up aufgebaut und seine Anteile an einen Investor verkauft hatte, um anschliessend in den elterlichen Betrieb einzusteigen. Etwas provokativ stellte ich ihm die Frage: “Wie verträgt sich, ein Start-up zu veräussern und gutes Geld zu machen, mit dem Einstieg in das Familienunternehmen in der 3. oder 4. Generation?”
Ich gebe es zu: Meine Arbeitshypothese war, dass viele Start-up-Unternehmerinnen und ‑Unternehmer ein Unternehmen gründen mit dem Hauptziel, am Schluss den grossen Deal im Rahmen des Exits zu realisieren – in der Schweiz sogar steuerfrei. Seine Antwort hat mir echt gefallen: “Wir haben uns bewusst für den Verkauf an einen strategischen (!) Partner entschieden, da der neue Partner das Unternehmen in die nächste Liga überführen kann. Aus eigener Kraft hätten wir dies nicht geschafft.”
Diese Selbstreflexion hat mich sehr angesprochen, denn hier war ein echter Steward in der Verantwortung, der künftig bestimmt einen konstruktiven Einfluss auf das Familienunternehmen ausüben wird.
Woran man verantwortungsvolles Unternehmertum erkennt
Verantwortungsvolles Unternehmertum bedeutet für mich persönlich:
- Ich stelle die Frage ins Zentrum: “Was ist gut für das Unternehmen?” – und nicht: Was ist gut für mich als Inhaberin oder Inhaber.
- Wenn es dem Unternehmen nicht gut geht, stelle ich meine eigenen Bedürfnisse in den Hintergrund.
- Ich übernehme die Verantwortung (auch zusammen mit dem Team), dass es dem Unternehmen gut geht.
- Ich (re)investiere regelmässig in das Unternehmen.
- Ich darf am Erfolg mitpartizipieren, wenn ich mich entsprechend engagiere und dieses Engagement seine Wirkung entfacht – aber ich komme nicht an erster Stelle.
Dank unserer Arbeit mit sehr vielen KMU in der Schweiz erleben wir regelmässig, dass:
- Unternehmerinnen und Unternehmer den eigenen Lohn reduzieren oder auf Dividenden verzichten, wenn es dem Unternehmen finanziell nicht gut geht.
- Gute Mitarbeitende bei finanziellen Engpässen nicht einfach entlassen werden.
- Langjährige Mitarbeitende, die den Anforderungen nicht mehr gerecht werden, vor der Pensionierung nicht einfach entlassen werden.
- Privates Geld als Risikokapital und/oder als Fremdkapital dem Unternehmen zur Verfügung gestellt wird. Das Resultat ist, dass das private Vermögen alles andere als diversifiziert ist (was Anlageberater als Erstes empfehlen würden).
Diese vier Verhaltensmuster beobachten wir wiederkehrend und sehr häufig. Genau das entspricht für mich verantwortungsvollem Unternehmertum.
Drei Wünsche an Gesellschaft und Politik
Meine drei Wünsche lauten deshalb:
- Stellen wir Verantwortung und Eigenverantwortung ins Zentrum des eigenen Tuns.
- Schätzen wir es, dass in der heutigen Welt Individuen und Familien sich täglich so ins Zeug legen und damit Arbeitsplätze schaffen und erhalten.
- Stellen wir sicher, dass die dazu notwendigen Rahmenbedingungen erhalten bleiben.
Wie zeigt sich Verantwortung in Ihrem Betrieb – ganz konkret?
Wer sich unternehmerisch und mit Herzblut engagiert, Arbeitsplätze schafft und erhält, der sollte weder als räudiger Wolf noch als zu melkende Kuh gelten, sondern Anerkennung erhalten für Verantwortungsübernahme und den Dienst an einer Sache, die anderen zugutekommt.
Frage zum Schluss: Wie zeigt sich Verantwortung in Ihrem Betrieb – ganz konkret, in Ihren Entscheidungen von heute für morgen?
Jene, die sich vertieft mit einzelnen Themen auseinandersetzen möchten, laden wir ein, in unseren Blogbeiträgen zu stöbern, die Videogespräche zu schauen oder sich in unsere Fach-Dossiers zu vertiefen, die wir kostenlos zum Download zur Verfügung stellen.
Im Download-Center stellen wir Ihnen diverse Unterlagen und Arbeitsblätter kostenlos zur Verfügung.
Fotonachweis: Shutterstock